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02. März 2026

Impulsgespräch mit Ruth Ur

Seit vielen Jahren begleitet und fördert die Heinz und Heide Dürr Stiftung das Exilmuseum. Für ihre Reihe Impulsgespräche entstand nun ein Interview mit der Direktorin des Exilmuseums Ruth Ur zu Vision und Plänen für das Exilmuseum. Hier können Sie es nachlesen:

HHD Stiftung: Herzlichen Glückwunsch zu Ihrer neuen Rolle. Was hat Sie motiviert, diese Aufgabe zu übernehmen?

Ruth Ur: Meine Verbindung zum Exilmuseum besteht bereits seit 2018, als ich in den Vorstand berufen wurde. So bekam ich früh die Gelegenheit, das Projekt intensiv kennenzulernen, und es entstanden enge persönliche Beziehungen zu dem Gründungsdirektor Christoph Stölzl sowie zu unserer Schirmherrin Herta Müller. Nach Christoph Stölzls Tod habe ich den Initiator des Projekts, Bernd Schultz, gefragt, wie er sich die Zukunft des Museums vorstellt. Er sagte zu mir: Jetzt müssen Sie das Exilmuseum verwirklichen. Ich fiel fast vom Stuhl, weil Christoph Stölzl jemand war, den ich sehr bewundert habe. Dieses Vertrauen, aber auch die inhaltliche Bedeutung des Vorhabens, haben mich tief bewegt. Für mich gibt es keine sinnvollere Aufgabe, als an der Realisierung dieses Museums mitzuwirken. Exil ist heute ein so wichtiges Thema und ich glaube, wir können viel aus der Vergangenheit lernen. Dieses Museum hat eine wichtige gesellschaftliche Rolle und ich kann es kaum erwarten, unsere Türen zu öffnen.

HHD Stiftung: Sie sprechen von Türen. Stimmt es, dass Sie das Museum in der Fasanenstraße in Berlin-Charlottenburg eröffnen, anstatt den geplanten Neubau am Anhalter Bahnhof zu realisieren?

Ruth Ur: Also erstmal: ja! Die Welt hat sich grundlegend verändert. Seit 2020 haben wir nicht nur die Covid-Pandemie erlebt, sondern auch den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine sowie den Krieg in Israel und Palästina. Insgesamt sehen wir wirtschaftliche Unsicherheiten in Deutschland, einschneidende Kürzungen in der Kultur und wachsende politische Herausforderungen. Unter diesen Bedingungen müssen wir, davon bin ich überzeugt, einerseits noch ambitionierter sein, andererseits aber auch pragmatisch und realistisch handeln. Im Englischen sagen wir: A bird in the hand is worth two in the bush – was man sicher hat, ist mehr wert als das, was nur in Aussicht steht.

Ein Neubau an einem so symbolträchtigen Ort wäre natürlich außergewöhnlich. Aber zum jetzigen Zeitpunkt kann ich nicht garantieren, dass sich die dafür erforderlichen 120 Millionen Euro aufbringen lassen. Gleichzeitig verfügen wir über dieses wunderbare Gebäude in der Fasanenstraße, das früher bereits ein Museum war und das, davon bin ich überzeugt, mit vergleichsweise überschaubaren Investitionen zu einem ganz besonderen Ort werden kann. Das Exilmuseum wird von Charlottenburg aus mit Partnerinstitutionen weltweit zusammenarbeiten und ein vielfältiges Programm entwickeln.

HHD Stiftung: Für wie vereinbar halten Sie das Nebeneinander von Exilgeschichten vergangener Zeiten, beispielsweise der Zeit des Nationalsozialismus, und aktueller Biografien?

Ruth Ur: Der Auftrag des Exilmuseums war von Anfang an, ein Licht auf jene Menschen zu werfen, die sich unter dem Nationalsozialismus gezwungen sahen, ihre Heimat zu verlassen. Angesichts dessen, was jenen widerfuhr, die blieben, gerät das Schicksal derjenigen, die fliehen konnten, verständlicherweise oft in den Hintergrund. Die Erfahrung, das alte Leben und das vertraute Umfeld hinter sich zu lassen und sich in einem anderen Land, einer anderen Kultur und Sprache eine neue Existenz aufzubauen, ist jedoch tragischerweise kein auf vergangene Zeiten beschränktes Phänomen, sondern Teil der menschlichen Erfahrung bis heute. Es ist wichtig zu verstehen, welche Umstände Menschen zu diesem Schritt bewegen, und was es bedeutet, im Exil zu leben. Die Herausforderung für mein Team und mich besteht daher darin, historische Geschichten so zu erzählen, dass sie nicht nur die Vergangenheit verständlich machen, sondern auch unsere Gegenwart erhellen. Was bedeutet es, wenn Menschen ihre Heimat verlassen müssen, um in Sicherheit zu leben? Was geschieht, wenn ein Journalist nicht mehr publizieren kann, ohne bedroht zu werden? Wie lebt es sich zwischen der Erinnerung an die alte und dem Einrichten in der neuen Heimat? Diese Fragen sind heute für viele Menschen weltweit hochaktuell. Deshalb ist es uns ein wichtiges Anliegen, dass unser Museum neben der historischen Erzählung auch diesen gegenwärtigen Erfahrungen Raum gibt.

HHD Stiftung:
Der Anhalter Bahnhof war sowohl ein Ort, von dem aus Menschen ins Exil aufbrachen, als auch einer der drei Deportationsorte in Berlin, von denen aus Tausende in die Konzentrationslager verschleppt wurden. Welche Bedeutung hat dieser Ort für die Stiftung Exilmuseum, wenn das Museum dort nicht gebaut wird?

Ruth Ur: Der Anhalter Bahnhof ist Teil unserer DNA. Es ist ein Ort, der lange in Vergessenheit geraten war und der wieder ins öffentliche Bewusstsein gerückt werden muss. Deshalb haben wir dort kürzlich ein neues Programm gestartet, um Aufmerksamkeit auf diesen Ort zu lenken und die Geschichte dieses Ortes wachzuhalten. Den Auftakt bildete die Lichtinstallation I Don’t Have Another Land des Künstlers Nathan Coley. Das besondere an diesem Werk ist für mich, dass es bewusst vieldeutig ist. Die Textinstallation hat drei Monate lang über den Berliner Winter hinweg die Portalruine des Anhalter Bahnhofs erleuchtet. Nun bereiten wir die nächsten künstlerischen Interventionen vor. All das wurde durch die großzügige Unterstützung der Heinz und Heide Dürr Stiftung und der Deutschen Bahn ermöglicht.

HHD Stiftung: Sie haben auch ein Bildungsprogramm gestartet. Können Sie kurz beschreiben, warum Sie damit begonnen haben und welche Rolle es für die Entwicklung des zukünftigen Museums spielt?

Ruth Ur: Ich sage immer: Wenn es gelingt, Kinder zu begeistern, hat man gute Chancen, auch ihre Geschwister und Familien zu erreichen. Seit September 2025 führen wir Workshops für Grundschulklassen durch. Die Kinder kommen für einen Tag zu uns und beschäftigen sich auf kreative Weise mit den Biografien von Menschen, die während des Nationalsozialismus ins Exil gehen mussten. Sie verbringen den ganzen Tag hier, essen auch gemeinsam zu Mittag. Sie kommen aus unterschiedlichen Bezirken, aus der Nachbarschaft ebenso wie aus sogenannten Brennpunktschulen. Uns ist wichtig, eine offene und einladende Atmosphäre zu schaffen und den Kindern Raum zu geben, Verbindungen zwischen diesen Lebensgeschichten und ihren eigenen Erfahrungen zu entdecken. Es ist manchmal laut und lebhaft und ehrlicherweise könnte ich mir im Moment nichts Schöneres wünschen.

Vielen Dank für das Gespräch.



Bild: © Gregor Matthias Zielke